Mehr als drei Jahre nach dem Höhepunkt der COVID‑19‑Pandemie bleibt eine zentrale Frage: Wie lässt sich das Risiko für Long COVID reduzieren – jenem Zustand, bei dem Symptome wie Müdigkeit, Atemnot oder Konzentrationsprobleme („Brain Fog“) oft Monate nach einer Infektion bestehen bleiben? Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Metformin, ein seit Jahrzehnten etabliertes Diabetes-Medikament, möglicherweise eine Rolle spielen könnte.
Was ist Metformin?
Metformin wird seit den 1950er-Jahren zur Behandlung von Typ‑2‑Diabetes eingesetzt. Es senkt den Blutzuckerspiegel, verbessert die Wirkung von Insulin und gilt als gut verträglich. Aufgrund dieser Eigenschaften und möglicher entzündungshemmender Effekte rückte Metformin früh in den Blick der COVID‑Forschung.
Erste Hinweise: Randomisierte Studie zeigt Wirkung
Eine der wichtigsten Studien stammt aus dem COVID‑OUT-Trial: Hier zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten, die innerhalb weniger Tage nach einem akuten SARS‑CoV‑2-Infekt Metformin einnahmen, später ein Long-COVID-Diagnoserisiko von etwa 40 % seltener hatten als die Placebo-Gruppe. Interessanterweise war der Effekt am stärksten, wenn die Einnahme innerhalb von vier Tagen nach Symptombeginn begann.
Die Autorinnen und Autoren betonen allerdings: Die Studie prüfte nicht, ob Metformin bereits bestehendes Long COVID lindert.
Ergänzende Analysen
Eine Meta‑Analyse aus 2025 stützt den Eindruck, dass Metformin die Entwicklung von Long COVID verringern kann. Die Evidenz wird hier jedoch als „low certainty“ eingestuft, da sie im Wesentlichen auf diesem einen klinischen Trial basiert und weitere Forschung nötig ist.
Beobachtungsdaten bei Menschen mit Diabetes
Im Rahmen der RECOVER-Initiative der NIH wurden außerdem elektronische Gesundheitsakten von Millionen Menschen mit Typ‑2‑Diabetes analysiert. Dabei zeigte sich: Wer bereits Metformin einnahm, hatte ein um 13–21 % geringeres Risiko, innerhalb von sechs Monaten nach einer COVID-Infektion an Long COVID zu erkranken oder zu sterben, verglichen mit Patientinnen und Patienten, die andere Diabetes-Medikamente erhielten.
Beobachtungsstudien erlauben keine kausalen Schlussfolgerungen, liefern aber wertvolle Hinweise aus der realen Versorgung.
Mögliche Wirkmechanismen
Die genauen biologischen Mechanismen sind noch unklar. Labor- und klinische Daten deuten darauf hin, dass Metformin die Virusvermehrung hemmen und gleichzeitig entzündliche Prozesse modulieren könnte – Faktoren, die bei Long COVID eine Rolle spielen.
Praktische Bedeutung
Relative Risikoreduktionen (z. B. 40 %) klingen beeindruckend, absolute Effekte hängen jedoch von der Grundwahrscheinlichkeit ab. Zudem variieren Ergebnisse je nach Population, Zeitpunkt des Beginns der Behandlung und Definition von Long COVID. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass weitere große, randomisierte Studien nötig sind, um die Effekte präzise zu quantifizieren.
Risiken und Anwendung
Metformin gilt als sicher, kann jedoch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Bauchschmerzen verursachen. Schwerwiegendere Effekte sind selten. Eine ärztliche Abklärung ist daher wichtig. Aktuelle Leitlinien empfehlen Metformin als Standardtherapie für Diabetes, nicht jedoch als universelle Prävention gegen Long COVID.
Bis Anfang 2026 deutet die Forschung darauf hin, dass Metformin, insbesondere bei frühzeitiger Einnahme nach einer SARS‑CoV‑2-Infektion, das Risiko für Long COVID senken könnte. Randomisierte Studien wie COVID‑OUT liefern überzeugende erste Hinweise, und große Beobachtungsdaten untermauern diese Tendenz. Dennoch reicht der Evidenzstand derzeit nicht aus, um Metformin allgemein zur Prävention von Long COVID zu empfehlen. Für Menschen mit Typ‑2‑Diabetes bleibt es ein etabliertes, gut verträgliches Mittel, dessen mögliche Vorteile über die reine Blutzuckerkontrolle hinaus nun intensiv erforscht werden.
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