In Davos präsentiert – CEO Anna Zeiter (CH) verspricht echte Identitäten, GDPR-Konformität und Schutz vor Desinformation. Kann „W“ den Exodus von X schaffen?
Nur Tage nach dem offenen Brief von 54 EU-Abgeordneten, die ein eigenes europäisches Sozialnetzwerk forderten (siehe DMZ-Bericht vom 20. Januar 2026), ist Bewegung in die Sache gekommen: Eine neue Plattform namens W wurde am 20. Januar 2026 beim World Economic Forum in Davos offiziell vorgestellt.
Keine EU-Initiative, sondern private europäische Lösung
Anders als der Appell der Parlamentarier (u. a. Alexandra Geese, Greens/EFA, und Veronika Cifrová Ostrihoňová, Renew Europe) an die EU-Kommission erwartet, handelt es sich bei „W“ nicht um ein staatlich gefördertes Projekt. Stattdessen präsentiert sich die Plattform als privatwirtschaftliche, europäisch geführte Alternative – entwickelt von einem Team mit Sitzplänen in Berlin und Paris, unter der Leitung der Schweizer CEO Anna Zeiter.
Zeiter, promovierte Juristin (Universität Hamburg), Stanford-Absolventin und langjährige Datenschutz- und AI-Verantwortliche bei eBay, betont in ihrer Ankündigung: „Wir glauben, dass es dringend eine neue Social-Media-Plattform braucht, die in Europa gebaut, verwaltet und gehostet wird. Mit menschlicher Verifizierung, freier Meinungsäußerung und Datenschutz im Kern.“
Kernfeatures von „W“
- Pflicht-Identitätsprüfung: Jeder Account erfordert eine echte Identitätsvalidierung inklusive Foto-Check. Ziel ist, weniger Bots, Deepfakes und koordinierte Desinformationskampagnen zuzulassen.
- Dezentrale, europäische Infrastruktur: Daten werden ausschließlich von europäischen Unternehmen in Europa gehostet, volle Konformität mit der DSGVO.
- Freie Meinungsäußerung mit Grenzen: Die Plattform betont Schutz vor Hass und Desinformation, bleibt aber explizit pro-freie Rede positioniert.
- Name und Symbolik: „W“ steht für „We“ (Wir), mit doppeltem V für „Values“ (Werte) und „Verified“ (Verifiziert). Als netter Nebeneffekt kommt W im Alphabet vor X – „ein willkommener Zufall“, so Zeiter.
Kontext: Grok-Skandal und EU-US-Spannungen
Die Vorstellung erfolgt vor dem Hintergrund massiver Kritik an X (ehemals Twitter): Die EU verhängte kürzlich eine Strafe von 120 Millionen Euro wegen Verstößen gegen den Digital Services Act (DSA). Der Grok-Skandal – massenhaft generierte Deepfake-Nacktbilder und sexualisierte Gewaltdarstellungen – führte zu verzögerter Reaktion von X und verstärkte das Misstrauen. Der offene Brief der 54 Abgeordneten nannte X inzwischen „keinen öffentlichen Platz mehr, sondern eine Deepfake-Porno-Seite und einen einseitigen Musk-Broadcast“.
Vor diesem Hintergrund positioniert sich „W“ als bewusste Antwort: Eine Plattform, die europäische Werte priorisiert und die Abhängigkeit von US-Tech-Giganten reduziert – genau wie es die MEPs gefordert hatten.
Realistische Erfolgschancen?
Bisherige Alternativen wie Mastodon oder Bluesky scheiterten meist an Netzwerkeffekten: Nutzer wandern nicht ab, wenn ihre Kontakte und Communities nicht mitkommen. „W“ setzt daher auf harte Verifizierung als Differenzierungsmerkmal – was Datenschützer begrüßen könnten, Anonymitätsbefürworter jedoch abschrecken dürfte.
Aktuell ist die Plattform noch nicht breit für normale Nutzer verfügbar; sie befindet sich in der Early-Phase. Ein Advisory Board mit schwedischem Schwerpunkt und ehemaligen Ministern unterstützt das Projekt, das als Tochter von „We Don’t Have Time“ (einer Klimaschutz-Medienplattform) startet.
Ausblick für Schweiz und EU
Für Schweizer Nutzerinnen und Nutzer, die ohnehin unter strengen Datenschutzregeln (DSG, angelehnt an DSGVO) stehen, könnte „W“ attraktiv werden – besonders wenn EU-Institutionen oder nationale Parlamente (z. B. in der Schweiz oder Skandinavien) signalisieren, dort aktiver zu werden. Zeiter selbst formuliert ambitioniert: „Wenn politisches Brüssel anfängt, auf W statt auf X zu posten, haben wir schon viel erreicht.“
Ob „W“ tatsächlich zum Game-Changer wird, hängt von Akquise, Skalierbarkeit und Akzeptanz ab. Die Debatte um digitale Souveränität ist damit endgültig entbrannt.
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