Eine Wanderung ins geheimnisvolle Ofenloch
Im hintersten Winkel des Neckertals, dort, wo sich die Landschaft der Ostschweiz besonders wild und ursprünglich zeigt, liegt eines der eindrucksvollsten Naturdenkmäler der Region: das Ofenloch.
Dort, wo der Necker entspringt, hat sich das Wasser über Jahrtausende eine spektakuläre Schlucht in den Fels gegraben – eine Art „Grand Canyon“ im Toggenburg. Trotz seiner landschaftlichen Dramatik ist dieser Ort kaum bekannt und gilt selbst unter erfahrenen Wanderern als Geheimtipp.
Ursprung eines Flusses
Die Quelle des Neckers liegt ein kleines Stück oberhalb des eigentlichen Ofenlochs. Von dort stürzt das Wasser über einen imposanten Wasserfall talwärts und beginnt seine rund 30 Kilometer lange Reise, die erst bei Lütisburg in der Thur endet. Die Schlucht selbst ist abgelegen, rau und anspruchsvoll – genau das macht ihren Reiz aus.
Kein Weg für Ungeübte
Wer sich auf den Weg ins Ofenloch macht, sollte sich der Risiken bewusst sein. Es handelt sich um keinen offiziellen Wanderweg:
- Es gibt keine Markierungen, keine Geländer und keine Rettungsketten. Die Begehung erfolgt ausdrücklich auf eigenes Risiko, jede Haftung ist ausgeschlossen. Für kleinere Kinder ist die Tour ungeeignet.
- Besonders heikel: Bei Gewitter oder starken Regenfällen kann der Wasserstand im engen Bachbett innerhalb kürzester Zeit stark ansteigen. Gleichzeitig erhöht sich die Gefahr von Steinschlag erheblich.
Das richtige Zeitfenster
Die Gruppe um einen erfahrenen Wanderer hatte das Ofenloch schon lange auf ihrer Wunschliste. Mehrfach machte das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Diesmal jedoch passte alles zusammen: stabiler Hochdruck, trockene Vortage und ein für die Jahreszeit ungewöhnlich niedriger Wasserstand im Necker. Bessere Bedingungen sind kaum denkbar.
Der Weg ins Herz der Schlucht
Ausgangspunkt der Tour ist der Ampferenboden auf 1047 Metern über Meer. Wer den wenig abwechslungsreichen Forststrassen-Aufstieg vermeiden möchte, kann für die letzten Kilometer gegen eine Gebühr von 20 Franken eine Fahrbewilligung lösen.
Ab hier beginnt das eigentliche Abenteuer:
Nach der ersten Querung des Neckers folgt man seinem Lauf flussaufwärts – mal links, mal rechts, oft direkt im Bachbett. Mehrmaliges Durchwaten oder Überspringen ist unvermeidlich. Ein zweites Paar Schuhe im Rucksack ist daher dringend zu empfehlen.
Trittsicherheit und Konzentration
Die Route verlangt Trittsicherheit und ein gewisses Maß an Schwindelfreiheit. An mehreren Stellen helfen Fixseile beim Überwinden kleinerer Felsstufen. Die Schlucht wird zunehmend enger, die Felswände steiler. Nagelfluhbänder und rutschige Passagen wechseln sich ab.
Mit jedem Meter verschwindet die Zivilisation weiter aus dem Bewusstsein. Zurück bleiben das Rauschen des Wassers, der Geruch von feuchtem Fels und Moos – und ein intensives Gefühl völliger Abgeschiedenheit.
Begegnung mit dem Ofenloch
Nach mehreren Stunden konzentrierten Vorankommens öffnet sich plötzlich der Blick:
Wasserfälle stürzen von mehreren Seiten herab, feine Gischt liegt in der Luft, das Licht bricht sich in tausend Facetten. Die mächtige Felshöhle des Ofenlochs öffnet sich wie ein monumentales Naturportal.
Der Anblick ist überwältigend – und bleibt nachhaltig im Gedächtnis.
Mehr als ein landschaftliches Highlight
Das Ofenloch ist mehr als ein spektakulärer Ort. Es ist ein Platz, der Demut lehrt, die Kraft der Natur unmittelbar spürbar macht und zeigt, dass es selbst in der dicht besiedelten Schweiz noch Räume gibt, die ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben.
Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, braucht vor allem eines: Respekt vor den Elementen – und vielleicht auch ein kleines Stück jenes unstillbaren Drangs, der Abenteurer seit jeher antreibt.
Never stop exploring.
