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  • 18. Juli 2026 10:30

Rhinoviren: Vom unterschätzten Erkältungserreger zur realen Gefahr für Erwachsene

ByAnton Aeberhard

Jan. 5, 2026

Rhinoviren gelten seit Jahrzehnten als Inbegriff der harmlosen Erkältung. Kaum ein anderes Virus ist so verbreitet, kaum eines wird im klinischen Alltag so routiniert abgetan. Eine neue groß angelegte Analyse stellt diese Einschätzung nun jedoch infrage – zumindest für einen Teil erwachsener Patientinnen und Patienten im Krankenhaus.

Eine retrospektive Multicenter-Studie, deren Ergebnisse Ende Dezember im European Medical Journal vorab veröffentlicht wurden, wertete Krankenhausdaten aus den Jahren 2020 bis 2023 aus. Untersucht wurden 9.517 erwachsene Personen, die wegen schwerer Atemwegsinfektionen stationär behandelt werden mussten. Bei 438 von ihnen – rund 4,6 Prozent – wurde mittels RT-PCR ein humanes Rhinovirus nachgewiesen.

Was zunächst unspektakulär klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als bemerkenswert: Mehr als die Hälfte dieser rhinoviruspositiven Patientinnen und Patienten entwickelte eine klinisch und radiologisch gesicherte Pneumonie. In vielen Fällen lagen zusätzliche bakterielle oder virale Erreger vor. Doch bei 87 Betroffenen erfüllten die Befunde die strengen Kriterien einer primären viralen Lungenentzündung, bei der das Rhinovirus als dominierender – teilweise sogar einziger – Auslöser infrage kam.

Besonders aufschlussreich sind die pathologischen Zusatzuntersuchungen. In einem kleineren Subkollektiv, bei dem bronchoalveoläre Lavagen und vereinzelt auch Lungenbiopsien durchgeführt wurden, gelang der direkte Nachweis des viralen Kapsidproteins VP3 in tiefen Atemwegsepithelien und Alveolarzellen. In über 60 Prozent dieser Proben war das Virus eindeutig im unteren Respirationstrakt präsent. Damit liefert die Studie starke Argumente in einer seit Jahren geführten Debatte: Rhinoviren können offenbar sehr wohl im Lungengewebe replizieren – zumindest unter bestimmten Bedingungen.

Auch klinisch lassen sich Muster erkennen. In multivariaten Analysen zeigten sich mehrere unabhängige Risikofaktoren für eine rhinovirusassoziierte Pneumonie. Dazu zählten ein männliches Geschlecht, hohes Fieber bei Aufnahme sowie ein ausgeprägter, meist trockener Husten. Letzterer erwies sich als besonders aussagekräftig und war deutlich stärker mit einer primären viralen Genese verknüpft als bislang angenommen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie sehen darin klare Konsequenzen für die klinische Praxis. Rhinoviren sollten bei Erwachsenen mit Pneumonie nicht länger reflexartig als Zufallsbefund oder bloße Kolonisation der oberen Atemwege interpretiert werden – insbesondere nicht während der typischen Zirkulationsphasen im Winter, Frühjahr und Herbst.

Auch Fragen der Infektionskontrolle gewinnen an Bedeutung. Die hohe Übertragbarkeit des Virus im Krankenhausumfeld könnte bislang unterschätzt worden sein. Konsequente Händehygiene, aber möglicherweise auch das Tragen von Masken bei symptomatischen, rhinoviruspositiven Patientinnen und Patienten, erscheinen vor diesem Hintergrund neu zu bewerten.

Therapeutisch bleibt die Situation unverändert schwierig: Spezifische antivirale Medikamente gegen Rhinoviren existieren bislang nicht. Gerade deshalb unterstreichen die Ergebnisse den Bedarf an gezielter Forschung – insbesondere für ältere Menschen und andere Risikogruppen.

„Wir müssen unser Bild vom Rhinovirus korrigieren“, resümiert das Studienteam. „Es ist nicht nur der häufigste Erreger banaler Erkältungen, sondern kann bei Erwachsenen auch eine ernsthafte Lungenentzündung verursachen – selbst ohne ausgeprägte Immunsuppression.“

Die Arbeit fügt sich damit in eine wachsende Zahl von Studien ein, die zeigen, dass vermeintlich harmlose Atemwegsviren unter bestimmten Umständen deutlich aggressiver verlaufen können, als es lange Zeit in Lehrbüchern vermittelt wurde.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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