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  • 12. April 2026 11:28

Warum Forschende die Auswirkungen von SARS-CoV-2 auf das Immunsystem neu bewerten – und weshalb die Pandemie nicht vorbei ist

ByAnton Aeberhard

Dez. 24, 2025

Eine Analyse im British Medical Journal stellt die verbreitete Theorie der „Immunitätslücke“ infrage und verweist auf wachsende Hinweise, dass SARS-CoV-2 das Immunsystem langfristig beeinflussen könnte. Die Befunde fügen sich in ein Bild, das klar macht: Die Covid-19-Pandemie ist epidemiologisch nicht beendet.

Seit dem weitgehenden Wegfall pandemiebedingter Schutzmaßnahmen wird weltweit ein anhaltender Anstieg nicht-covidbedingter Infektionen beobachtet. Politisch wird diese Entwicklung häufig als Folge einer überwundenen Pandemie interpretiert. Wissenschaftlich jedoch verdichten sich Hinweise, dass SARS-CoV-2 weiterhin eine relevante Rolle spielt – nicht nur durch akute Infektionen, sondern möglicherweise auch durch längerfristige Veränderungen des Immunsystems.

Eine im British Medical Journal veröffentlichte Analyse (BMJ 2025;390:r1733) stellt die populäre Erklärung der sogenannten „Immunitätslücke“ zunehmend infrage. Diese Theorie besagt, dass Lockdowns, Maskenpflicht und reduzierte soziale Kontakte während der ersten Pandemiejahre das Immunsystem „untertrainiert“ hätten. Laut dem BMJ-Artikel reicht diese Erklärung jedoch nicht aus, um die anhaltenden und teils zunehmenden Infektionsraten der vergangenen Jahre zu erklären.

Anhaltende Infektionsdynamik statt Nachholeffekt

Wäre die Immunitätslücke der entscheidende Faktor, so müssten Infektionszahlen nach einer kurzen Übergangsphase wieder auf ein normales Niveau zurückkehren. Genau das ist jedoch nicht zu beobachten. Im Gegenteil: Mehrere Infektionen erreichen ihre höchsten Raten erst Jahre nach dem Ende der meisten Schutzmassnahmen.

So zeigte eine Analyse der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC, dass invasive Streptokokkeninfektionen ihren stärksten Anstieg zwischen 2021 und 2022 verzeichneten – also deutlich nach der politischen Öffnung. Auch andere bakterielle und virale Erkrankungen bleiben seither auf ungewöhnlich hohem Niveau.

Diese Entwicklung spricht gegen die Annahme, die Pandemie habe lediglich eine temporäre Verschiebung klassischer Infektionsmuster verursacht. Vielmehr deuten die Daten darauf hin, dass SARS-CoV-2 weiterhin aktiv in das Infektionsgeschehen eingreift.

SARS-CoV-2 als möglicher dauerhafter Einflussfaktor

Zunehmend rückt die Frage in den Fokus, ob SARS-CoV-2 selbst das Immunsystem nachhaltig verändert. Mehrere Studien zeigen, dass Menschen nach einer Covid-19-Infektion – auch nach milden Verläufen – ein erhöhtes Risiko für bakterielle, virale und fungale Folgeinfektionen haben.

Beobachtet wurden unter anderem:

  • eine vermehrte Reaktivierung latenter Viren wie Epstein-Barr-Virus (EBV) und Varizella-Zoster-Virus (Gürtelrose),
  • Anzeichen von Erschöpfung und funktionellen Veränderungen bestimmter T-Zell-Populationen,
  • sowie eine erhöhte Sepsisrate nach Krankenhausaufenthalten wegen Covid-19 im Vergleich zu Influenza.

Eine grosse Kohortenstudie unter über 830 000 US-Veteranen, veröffentlicht 2025 in The Lancet, fand diese Effekte selbst bei Personen, die wegen Covid-19 nicht hospitalisiert werden mussten. Andere Arbeiten berichten über epigenetische Veränderungen in Knochenmarkszellen sowie über Hinweise auf virale Persistenz von SARS-CoV-2 in Geweben bis zu zwei Jahre nach der Infektion.

Diese Befunde sind deshalb relevant, weil SARS-CoV-2 weiterhin weltweit zirkuliert und wiederholte Infektionen häufig sind. Die Pandemie ist damit nicht abgeschlossen, sondern hat sich von einer akuten Notlage zu einem chronischen, fortbestehenden Gesundheitsproblem entwickelt.

Klinische Signale im Alltag

Auch in der klinischen Praxis zeigen sich Hinweise auf eine anhaltende Wirkung von Covid-19. Ärztinnen und Ärzte berichten über einen erhöhten Antibiotikabedarf nach durchgemachten Infektionen sowie über ungewöhnliche Krankheitsverläufe bei zuvor gesunden Menschen.

Besonders aufschlussreich ist dabei, dass auch Kinder betroffen sind, die während der frühen Pandemiejahre noch nicht geboren waren. Für sie kann eine „Immunitätslücke“ durch Lockdowns definitionsgemäss keine Erklärung sein – wohl aber eine frühe oder wiederholte Exposition gegenüber SARS-CoV-2.

Wissenschaftliche Kontroverse – kein Entwarnungssignal

Nicht alle Fachleute teilen die Einschätzung, dass SARS-CoV-2 in der Breite das Immunsystem schädigt. Der frühere Covid-19-Koordinator des Weissen Hauses, Ashish Jha, weist diese Interpretation zurück und betont, dass relevante Immunstörungen vor allem eine Minderheit betreffen würden.

Andere Forschende halten diese Gegenüberstellung für zu verkürzt. Immunologische Veränderungen müssten nicht zwangsläufig zu klar diagnostizierbaren Erkrankungen führen, könnten aber dennoch die allgemeine Infektanfälligkeit und Entzündungsbelastung einer Bevölkerung erhöhen – insbesondere bei fortgesetzter Viruszirkulation.

Pandemiepolitisch verdrängt, medizinisch real

Der BMJ-Artikel macht deutlich, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung einer „beendeten Pandemie“ vor allem politisch motiviert ist. Epidemiologisch und immunologisch ist SARS-CoV-2 weiterhin präsent. Die fortlaufende Viruszirkulation, die steigende Zahl von Reinfektionen und die wachsende Evidenz für längerfristige immunologische Effekte sprechen klar dagegen, Covid-19 als erledigtes Kapitel zu betrachten.

Die Pandemie hat ihre Form verändert, nicht aber ihr Ende erreicht. Die wissenschaftliche Aufgabe besteht nun darin, diese neue Phase ernst zu nehmen – jenseits vereinfachender Narrative – und die langfristigen gesundheitlichen Folgen systematisch zu erforschen und gesundheitspolitisch zu berücksichtigen.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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